Baugeschichte

Die Gartenseite: Der Heylshof als Gartenmuseum

Ansicht des Heylshof-Parks
Ansicht des Heylshof-Parks

Die komplexen Orientierungen, Zitate und Akzentsetzungen der Stadtfassade finden in der Gestaltung und Strukturierung der Gartenfassade ihre Entsprechung. Die ebenfalls konkav eingezogene Front wird von einem halbrunden Mittelbau überragt, der die Motive der Stadtseite übernimmt. Das rustizierte Erdgeschoß erscheint hier wegen des ansteigenden Geländes ohne Untergeschoß und dadurch weniger herausgehoben. Es bindet damit auch den Privatbereich des Hauses an den Privatbereich des Gartens. Links und rechts des mit drei Fensterachsen versehenen Saalvorbaus folgen die beiden Fensterachsen des Mitteltraktes und die einachsigen Seitenflügel. Bei sämtlichen Fenstern des Erdgeschosses handelt es sich um Rundbogenfenster, deren Schlußsteine, wie die der Stadtseite, aus der Werkstatt Gedons entstammen. Die drei Fenster des halbrunden Saalabschlusses sind zusätzlich durch um die Bögen gelegte Festons hervorgehoben. Im ersten Stock waren die Bogenfelder unter den auf Konsolen ruhenden Fensterverdachungen mit aufwendig verzierten Kartuschen gefüllt und gegen die Fensterrahmungen der Mittel- und Seitentrakte hervorgehoben. Ein früherer Entwurf Bluntschlis sah für die Beletage der Gartenfassade noch eine mit der Stadtseite nahezu identische Gestaltung vor. Die Giebelarchitektur mit je zwei Pilastern, die in die Fenster eingestellt gewesen wären, hätte einen Risalit über dem halbrund ausgebauten Saalabschluß im Erdgeschoß dargestellt. Dadurch wäre ein zusätzlicher vom ersten Stock zu erreichender Balkon entstanden. Die Entscheidung, den halbrunden Anbau bis über die Dachgesimslinie fortzuführen, verstärkte die Differenzierung und Orientierung des Gebäudes. Die ausgeführte Version weist darüber hinaus eine große Ähnlichkeit mit einer Eingangssituation in Bluntschlis Entwurf zum ersten Wettbewerb für den Berliner Reichstag von 1872 auf. Es handelt sich dabei um einen halbrunden Vorbau im zentralen Innenhof des Reichstags in Richtung Sommerstraße unterhalb der dominanten Kuppel, zu dem zwei geschwungene Freitreppen emporführen. Dieser Vorbau war als Eingang zu den Logen des kaiserlichen Hofes und des diplomatischen Corps gedacht. Ob Heyl die angekauften Entwürfe gekannt hat, ist nicht belegt. Ein solches Zitat wäre aber auf Grund der schon genannten Motivationen des Bauherrn durchaus kohärent zur Gesamtauffassung des Heylschen Palais. Im Reichstagsentwurf trennen vorgelegte Pilaster die drei im Sinne der Renaissance aufgefaßten Rundbogenfenster. Darüber erhebt sich ein Attikageschoß, welches über das Gesims des dahinterliegenden, längsrechteckigen Gebäudeteils hinausragt, eine dem Heylshof strukturell vergleichbare Anlage. Die Gartenfassade des Heylshofes war im ersten Geschoß auch durch mit Kompositkapitellen bekrönte Pilaster unterteilt. Die gliedernde Struktur der Stadtfassade erschien durch den konvexen Ausbau gestreckt wiederholt. Auch hier sonderte der erhöhte Mittelvorbau ein Mezzaningeschoß aus und war durch eine bis unter das verkröpfte Kranzgesims des Querdaches hochgezogene Eckquaderung vom restlichen Bau abgesetzt. Im Erdgeschoß ist nur das mittlere Fenster als Fenstertür ausgeführt, die den Zugang auf die halbrunde Gartenterrasse in Blickrichtung des Domes erlaubt. Eine früher vorgesehene Version mit drei Fenstertüren wurde, vermutlich um die Blickführung zu betonen, verworfen. Eine im Scheitelpunkt der Gartenterrasse stehende Skulptur nahm diese Blickrichtung auf und verlängerte die Mittelachse des Gebäudes in Richtung des Domes. Die von Ferdinand Tietz im Stil des Rokoko um 1765 geschaffene Minerva, in voller Rüstung mit Schild, Lanze und Helm, wendet den Kopf in Richtung des von der Stadt in den Garten führenden Eingangs.

Gewächshäuser, Innenansicht
Gewächshäuser, Innenansicht

Der Gartensaal steht formal in der Tradition der sala terrena der italienischen Schloßbauten, ist aber der repräsentativste Raum des Gebäudes. Sein Prestigewert wurde durch den privilegierten Ausblick noch wesentlich erhöht. Dem exklusiven Anblick des Domes kam eine große Bedeutung im sozialen Haushalt der Bewohner zu; darüber hinaus konnte der Dom als Objekt kontemplativer Versenkung auch eine entlastende Funktion im seelischen Haushalt des von den Geschäften ermüdeten Hausherrn übernehmen. Die Silhouette des Domes hängt aber nicht nur als romantisch verklärtes Bild in den Fenstern, sondern sie aktualisiert auch die geschichtliche Bedeutung der Lokalität. Stand an der Stadtfassade des Heylshofes die Erhaltung der symmetrischen Gesamterscheinung im Vordergrund, so verfuhr man auf der Gartenseite weniger konsequent. Links an das Hauptgebäude schloß sich eine vom ersten Stock erreichbare Veranda an. Sie wurde von zwei Säulen gestützt, die mit dem aus der Renaissance bekannten Palladiomotiv abschlossen. Es ist durchaus denkbar, daß es sich dabei um einen im 19. Jahrhundert häufig anzutreffenden nostalgischen Rückbezug auf das Bildungsideal der Renaissance handelt. Ein solches Zitat war auch durch die Funktion des dahinterliegenden Raumes als Bibliothek begründet. An den rechten Seitenflügel des Heylshofes schlossen sich das Warm- und Kalthaus an. Unter den von Bluntschli entworfenen Gewächshäusern, die im ersten Weltkrieg wegen der zu aufwendigen Beheizung bis auf das Palmenhaus abgerissen wurden, befand sich ein gedeckter Küchenhof.

Terrasse am Haus
Terrasse am Haus

War der Heylshof von seiner Funktion als Privatmuseum für die Kunstsammlungen seines Besitzers bestimmt, so ließe sich von den ihn umgebenden Gartenanlagen als einer Sammlung von Gartenbauformen verschiedener Epochen sprechen. Die verschiedenen Gestaltungsweisen als eklektizistische Anhäufung historistischer Stilzitate zu verstehen, greift aber zu kurz. Sie stellten jeweils spezifische Konzepte der Vermittlung des Baus mit seiner Umgebung dar. Obwohl stark verändert, bietet der Heylsche Garten auch noch heute die Möglichkeit, einige der Absichten zu erkennen, die seine Anlage bestimmten. Der Dom scheint inmitten einer malerischen Baumkulisse in den Garten einbezogen. Liest man seine Erscheinung mit der "Landschaft" des Gartens zusammen, so wird die faktische Trennung des Domareals vom Heylschen Besitz ästhetisch aufgehoben. Die "englische Anlage" des Gartens geht noch auf den Großvater Johann Cornelius Heyl zurück. C. W. von Heyl betont in seinem Stiftungsbrief von 1920: "Durch die Ausgestaltung dieses Besitzes in der heutigen Form ist zugleich eine würdige und feierliche Umgehung des altehrwürdigen Domes geschaffen worden. Eine Veränderung in dem heutigen Zustande würde eine Beeinträchtigung der ästhetischen Wirkung des hervorragenden kirchlichen Bauwerkes bedeuten." Vorbilder für eine romantisch verklärte, stimmungshafte Betrachtung mittelalterlicher Sakralarchitektur lassen sich bis in die englischen Gartentheorien des 18. Jahrhunderts zurückverfolgen. Neben den historischen und nationalen Konnotationen, die die Betrachtung des Domes begleiteten, kommt in der Gestaltung dieser Gartenpartie auch eine gefühlsbetonte Betrachtung zum Ausdruck.

Treppe zur Terrasse
Treppe zur Terrasse

Ein barockartiges Gartenkompartiment, parallel zu den Gewächshäusern, führt in Richtung des Schloßplatzes. Von ihm aus betritt man den Garten durch ein reichverziertes schmiedeeisernes Tor. Über eine Treppe gelangt man direkt auf den zum Scheitelpunkt der Terrasse führenden Weg. Als point de vue stand hier früher die schon erwähnte Figur der Minerva auf einem Postament über einem zweischaligen Brunnen. Ihre Blickrichtung begegnete der Wegführung vom Schloßplatz her. Die Organisation der Prospekte und die Anlage der Wege sind, wenngleich in sehr kleinem Maßstab, an den geometrisch organisierten Schloßgärten des Barock orientiert. Zahlreiche Skulpturen, von denen heute nur noch ein Teil erhalten ist, bereicherten diesen Teil des Gartens um das im Rokoko beliebte Element des Skulpturenparks. Es handelte sich um von Ferdinand Tietz oder seinem Umkreis für Veitshöchheim oder Schloß Seehof bei Bamberg geschaffene Skulpturen. An der westlichen Seite des Geländes war anstelle der heutigen Grotte ein Gartenpavillon vorgesehen, der den Abschluß der Stadtmauer gebildet hätte. Die Gestaltung dieses Pavillons wurde in zahlreichen Entwürfen durchgespielt. Ein Plan aus Zürich zeigt einen rustizierten Sockel mit einem von Säulen getragenen Baldachin. Zu der Terrasse führen zwei Freitreppen empor, zwischen denen eine Porträtbüste eingestellt ist. Ein Lageplan auf dem gleichen Blatt trägt an der von der Büste zwischen den Treppen ausgehenden Geraden die Eintragung: "Axe senkrecht auf die Mitte des Schlößchens". Diese Eintragung belegt, wie sehr Bauherr und Architekt an Gestaltungen interessiert waren, die die Blicke des Gartenbesuchers organisieren und auf markante Blickpunkte lenken sollten.

Die eingetragene Orientierung wäre ursprünglich von einem runden Teich fortgesetzt worden. Dieser wiederum lag vor der Mitte eines den rückwärtigen Vorplatz des Schlößchen begrenzenden, geschwungenen Einfassungsgitters. Die genannte Ausrichtung hätte die vormalige Orientierung der fürstbischöflichen Residenz zur Stadt hin erinnernd wiederholt. Im gleichen Lageplan deutet eine gestrichelte Linie an, von der Minervafigur in der Mitte der Gartenterrasse ausgehend, daß die obengenannte Achse parallel zur Wegführung vom Eingang der Stadt her verlaufen wäre. Im Gegensatz zu diesen barocken Auffassungen standen die am Landschaftsgarten des 18. Jahrhunderts anknüpfenden geschwungenen Wege und unregelmäßigen Teiche im Bereich vor dem Dom. Zum Eingang neben dem Heylshof sollte ein Neptunbrunnen den geplanten Gartenpavillon zieren. An seiner gegenüberliegenden Seite wäre eine Grotte unter der Terrasse des Pavillons durch einen Portikus mit durch Grottenwerk verzierten Säulen zu betreten gewesen. In einem anderen Entwurf beschäftigt sich Bluntschli mit dem Abschluß der Stadtmauer in Form eines beflaggten Türmchens, welches mit dem Neubau durch eine Terrasse verbunden worden wäre.

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